Ein Turnaround ist kein Finanzprojekt – er ist ein Menschenprojekt.
- Stephan Strauss

- Feb 8
- 2 min read
Was war das Problem?
Als ich die Verantwortung als CEO für Rexel Deutschland (damals Hagemeyer Deutschland) übernahm, stand das Unternehmen auf der Kippe. Rund 900 Mio. Euro Umsatz, etwa 1.700 Mitarbeitende, drittgrößter Elektrogroßhändler im Markt – und dennoch in einer existenziellen Krise.
Die Symptome waren eindeutig:
acht Jahre rückläufige Entwicklung
vier Jahre Verluste
drei CEOs in vier Jahren verschlissen
erodierende Marktanteile
Kunden zweifelten offen an der Leistungsfähigkeit
das Deutschlandgeschäft belastete das gesamte Konzernergebnis
Doch das war nicht die eigentliche Krise.
Die wahre Krise war unsichtbar – und gefährlicher: Die Organisation hatte ihren inneren Kompass verloren.
Die Kultur war toxisch:
Angst statt Verantwortung
Schuldzuweisung statt Klarheit
Silos statt Zusammenarbeit
permanenter Feuerwehrmodus statt Gestaltung
Leistungsträger innerlich gekündigt
kaum Innovationskraft
Entscheidungen defensiv, langsam, politisch
Es war eine Organisation, die existierte –aber nicht mehr lebte.
Die sogenannte Finanzkrise war nur das Symptom. Die Ursache lag in Kultur, Haltung und Selbstverständnis.
Ein klassischer Restrukturierungsplan – Kosten senken, Standorte schließen, Personal abbauen – hätte daran nichts geändert. Man kann keine Identitätskrise mit Excel heilen.
Was war die Lösung?
Der Turnaround konnte nur funktionieren, wenn Menschen wieder handlungsfähig wurden. Nicht „mitgenommen“, sondern eingebunden.
Nicht „informiert“, sondern ermächtigt.
Die Transformation wurde deshalb bewusst auf zwei Ebenen parallel aufgebaut.
1. Geschäftsmodell und Struktur radikal neu gedacht
Zunächst wurde das Unternehmen strategisch neu ausgerichtet:
klare Kundensegmente statt breiter Beliebigkeit
kundenzentrierte End-to-End-Prozesse statt funktionalem Egoismus
konsequente Digitalisierung aller Kernprozesse
Aufbau eines Incubators für neue Geschäftsmodelle
strategische Neupositionierung vom Großhändler zum Lösungsanbieter
Strukturell war das ein massiver Umbau. Aber Struktur allein bewegt nichts, wenn die Kultur dagegen arbeitet.
2. Kultur, Verantwortung und Energie neu entfacht
Der eigentliche Wendepunkt kam hier.
Mitarbeitende wurden zu aktiven Gestaltern der Transformation.
Keine Change-Folien.
Keine künstlichen Workshops.
Keine „Wir müssen euch mitnehmen“-Rhetorik.
Stattdessen:
radikale Transparenz
echte gemeinsame Verantwortung
multifunktionale Teams
reale Entscheidungen
echte Probleme
echte Umsetzung
keine Silos
kein politisches Theater
Ein Venture-Format für zentrale Business-Herausforderungen schuf echte End-to-End-Verantwortung:
Ideen entwickeln
prototypisieren
testen
implementieren
Ohne Genehmigungsschleifen.
Ohne Absicherungslogik.
Ohne Machtspiele.
Das Signal war klar:
Verantwortung ist gewollt.
Fehler sind erlaubt.
Stillstand nicht.
Was hat es gebracht?
Operativ:
deutliche Ergebnisverbesserung
Stabilisierung der Marktanteile
Rückgewinnung des Kundenvertrauens
höhere Effizienz
reduzierte Komplexität
Die Zahlen zeigten die Trendwende.
Der eigentliche Erfolg lag jedoch tiefer: Die Organisation gewann ihre Gestaltungsfähigkeit zurück.
Menschen, die jahrelang in Kontrolle und Misstrauen gefangen waren, erlebten wieder, dass ihr Handeln Wirkung hat.
Selbstwirksamkeit ersetzte Resignation.
Ownership ersetzte Abhängigkeit.
Gestaltungsenergie ersetzte Angst.
Auch harte Entscheidungen wurden getroffen:
rund 25 Prozent der Standorte wurden geschlossen
etwa 400 Mitarbeitende mussten das Unternehmen verlassen
Das war hart. Sehr hart. Doch durch radikale Transparenz und echte Beteiligung blieb Vertrauen erhalten – und wuchs sogar.
Fazit:
Der entscheidende Faktor war nicht:
der Plan
das Kostenprogramm
die Struktur
Es waren die Menschen.
Transformation scheitert selten an der Idee.
Sie scheitert fast immer an der Kultur.
Ein Unternehmen ist keine Maschine.
Es ist ein soziales System.
Wer ein System verändern will, muss Menschen befähigen –nicht nur Zahlen optimieren.
Man kann Organisationen restrukturieren, reorganisieren und digitalisieren. Aber sie verwandeln sich erst dann, wenn Menschen Verantwortung für die Zukunft wieder selbst übernehmen.
Das ist kein „weiches“ Führungsbild.
Es ist der härteste Realismus, den es gibt.
Kultur ist nicht Deko.
Kultur ist Performance.
Kultur ist Geschwindigkeit.
Kultur ist Qualität.
Kultur ist Ergebnis.
Ein Turnaround beginnt nie bei den Zahlen.Er beginnt immer bei den Menschen.


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